Kultur- und Sozialgeographie der Großstadt
Wohnviertel, Stadtquartiere, Kieze: Die Meso-Ebene des von Bewohnerinnen und Bewohnern als ihre lokale Verankerung in der (Groß)stadt empfundenen engeren Wohnumfelds hat in den letzten Jahren eine zunehmende Bedeutung erlangt. Aktuelle Stadtentwicklungsprogramme wie ""Soziale Stadt"" oder ""Stadtumbau Ost/West"" konzentrieren sich auf das „Quartier“ als konzeptionellem Kern. Sie gehen sogar noch deutlich weiter, indem sie durch ihren sozial-räumlichen Imperativ dazu beitragen, die traditionellen sektoralen Verwaltungsstrukturen aufzubrechen und ihrerseits zu ver-räumlichen. Auch privatwirtschaftliche Wohnungsmarktakteure entdecken immer mehr den Quartierskontext als „Unique Selling Point“ im Portfolio ihrer Bestände und arbeiten mit spezifischen Quartiers-Vermarktungsstrategien. Diese paradigmatischen Entwicklungen vollziehen sich schon seit einiger Zeit. Die Kommunen im europäischen Ausland und in den USA sind seit Jahren auf der Ebene der ""quartiers"" oder der ""neighborhoods"" von gebietsbezogenen Politikformen geprägt (""Area Based Politics"") und können als Pioniere in diesem Bereich gelten. Amerikanische Immobilieninvestoren entwickeln im Neubausektor bereits seit längerem ausdifferenzierte Quartiersdesigns für bevorzugte Zielgruppen (z.B. im Bereich des umstrittenen „New Urbanism“-Konzepts). Sowohl in der Wissenschaft als auch in der kommunalen Praxis ist das „Quartier“ inzwischen eine so geläufige Dimension, dass man durchaus von einer eigenständigen ""Quartiersforschung"" und ""Quartierspolitik"" sprechen kann.
Relevanz und Ambivalenz der Quartiersebene
Die räumliche Ebene des Quartiers erscheint jedoch ebenso verlockend (in der Praxis) wie ambivalent (in der Theorie): Sie wird insbesondere durch Szenarien der räumlichen Entankerung in Frage gestellt (Globalisierung, Deterritorialisierung, Entstehung handlungsgenerierter entkoppelter Milieus), um deren Bedeutung sich bekanntlich umfangreiche Fachdiskurse ranken. Dennoch wird z.B. an der Existenz von Quartierseffekten kaum gezweifelt, und auch die oben genannten faktischen politischen Regionalisierungen (Quartierspolitiken) sind unbestritten Teil der städtischen Realität. Unter anderem darauf ist das große (Forschungs-)Interesse am Quartier zurückzuführen. Außerdem erweist es sich oft als unumgänglich, soziale Prozesse von der Quartiersebene aus zu rekonstruieren (und verstehen zu lernen), um sich der durch die Wohnung mehr oder weniger lokal zentrierten Alltagswelt der Bewohner anzunähern. Das Quartier ist zumindest ein erster, mehr oder weniger intensiv genutzter Zugang für viele Menschen zur (Groß)stadt und für den Forscher ein ""Interface"", durch das er zum handelnden und Raum prägenden Menschen vordringen kann. Die Maßstabsebene des Quartiers ist also lebensweltlich wie politisch relevant und bei kritischer Adaption auch empirisch-analytisch von Nutzen, ohne dass dabei zwangsläufig lokale Eingrenzungen, ""Containerisierungen"" und Simplifizierungen folgen müssen. Vielmehr stellt sich die Frage, für welche Themen die Maßstabsebene des Quartiers geeignet ist (und für welche nicht), und mit welchen Forschungsmethoden man am besten operieren (und auf welche man besser verzichten) sollte.
Das Seminar
Um sich dem Quartier anzunähern, werden wir im Oberseminar die unterschiedlichsten Themen anreißen, wie z.B. definitorische Fragen, Quartierseffekte, Quartiers-Governance, HID/NID/BID, Neighborhood Branding, lokales Sozialkapital, Kreativquartiere, demographischer Umbruch im Quartier, Integration von Migranten auf der Quartiersebene u.v.a.m. Die Anforderungen des Seminars richten sich an den jeweiligen Studienordnungen. Dennoch sollen neben Referaten auch ungewöhnliche oder seltener praktizierte Unterrichtsformen zur Anwendung kommen, wie z. B. Vor-Ort-Seminare in verschiedenen Quartierskontexten, Plan- oder Rollenspiele, moderierte Diskussionen, Filminterpretationen, moderierte Gruppenarbeit, empirische Arbeiten (Foto, Video, Interviews...), Experimente etc. Die Quartiersforschung ist ein bisher inkonsistentes Forschungsfeld, das noch viele Spielräume lässt. Lassen Sie uns deshalb diese Spielräume nutzen, Räume bespielen, selbst denken, selbst entwickeln, empirisch herangehen, und — ganz nach Robert Parks Motto „go into the district!“ — auch gelegentlich „vor Ort“ sein! Selbstverständlich beinhaltet dies auch das intensive Literaturstudium, jedoch nicht, indem — wie bisweilen üblich — Literatur gelesen, reproduziert und damit das Denken und Handeln eingestellt wird.
Thema: Metropolitan Cultures
Nummer:
Fach: Geographie
Dozent: Adelhof
Termin: Do 11-13
Ort: Humboldt-Universität | Campus Adlershof

