04.05.2007 | „Subversive Stadtentwicklung - Eine Einladung zu Creative Governance" - Bericht zur Eröffnung des Promotionskollegs „Die Zukunft der europäischen Stadt – Formen und Folgen von New Urban Governance“

Am 4. Mai 2007 wurde das Promotionskolleg "Die Zukunft der europäischen Stadt - Formen und Folgen von New Urban Governance" mit einer wissenschaftlichen Tagung der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Promotionskolleg wird von der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert und ist angesiedelt am Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung der Humboldt-Universität. Im Rahmen des Kollegs werden fünf StipendiatInnen unterstützt, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit neuen urbanen Steuerungsformen beschäftigen.

Die offizielle Eröffnung des Kollegs stand unter dem Thema Subversive Stadtentwicklung - Eine Einladung zu creative governance und fand in den Räumen des Instituts für Sozialwissenschaften statt. Im Rahmen der Veranstaltung wurde über neue Formen städtischen Handelns und deren Folgen sowie über die Potenziale und Probleme kreativer Handlungsansätze diskutiert.

Prof. Dr. Harald Mieg (Sprecher des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschung, HU Berlin) betonte in seinen Einführungsworten die besondere Rolle der Städte für die Lösung künftiger gesellschaftlicher Aufgaben und die Erfordernisse interdisziplinärerer Ansätze in der Stadtforschung.

Ralf Fücks (Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung) thematisierte den Wandel, aber auch die Notwendigkeit von Planung und zeigte die Ansprüche an neue Steuerungsformen auf kommunaler Ebene auf. Das Thema Stadtentwicklung stelle für die Heinrich-Böll-Stiftung ein wichtiges Handlungsfeld dar (vgl. z.B. die Arbeit der Fachkommission Stadtentwicklung).

Den Kern der Veranstaltung bildete der Vortrag von Prof. Philipp Oswalt (Architekt und Publizist in Berlin und Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der Universität Kassel) zu Kreativität und Stadtentwicklung. In seinem Vortrag analysierte Prof. Oswalt kritisch die aktuellen Creative-City-Forschungen von Richard Florida und Charles Laundry und zeigte deren Bezüge zur früheren Strömungen der Architekturtheorie auf. Einen wichtigen Aspekt kreativer und zukunftsfähiger Stadtentwicklung stellt seiner Meinung nach der Umgang mit Grundeigentum und den damit verbundenen Verfügungsrechten über Boden dar. Oswalt stellte anhand einiger Beispiele den engen Zusammenhang zwischen Kreativität und Stadtentwicklung dar und verknüpfte Probleme der Stadtentwicklung mit Fragen der Verfügung über Eigentum. In zahlreichen Projekten, die sich mit dem Schrumpfen von Städten auseinandersetzen, oder auch in der Diskussion um den Berliner Palast der Republik bzw. den geplanten Wiederaufbau des Stadtschlosses, wird deutlich, dass ein kreativer Umgang mit Eigentumsfragen ein Potential für die Stadtentwicklung darstellt. Der Vortrag wurde im Anschluss von den Stipendiatinnen und Stipendiaten des Kollegs aus ihrer jeweiligen Forschungsperspektive kommentiert.

Simone Buckel stellte die Aneignung städtischer Räume durch MigrantInnen in den Vordergrund ihres Kommentars und beschrieb Stadtentwicklungsprozesse, die das Ergebnis der Eigeninitiative migrantischer Communities und nicht langwieriger top-down-Planungsprozessen sind.

Mit dem Konzept der ‚Planung der Nicht-Planung' beschrieb Oliver Frey wie Nicht-Linearität, Eigenentwicklungen und Freiräume in einen strategieorientierten Planungsansatz integriert werden können und dabei gleichzeitig in besonderem Maß die Eigenschaften kreativer Milieus berücksichtigt werden.

Florian Koch analysierte die Kreativität von Marktkräften und zeigte am Beispiel der Stadt Warschau auf, wie Immobilienunternehmen nicht mehr nur als Steuerungsobjekt, sondern auch als Steuerungssubjekt in Stadtentwicklungsprozesse eingreifen und insofern von einer subversiven, also quasi im Verborgenen agierenden Stadtentwicklung gesprochen werden kann.

Gabriele Schmidt stellte mit den Berliner Ladenleerstandsprojekten konkrete Beispiele neuer Steuerungsformen vor, in deren Rahmen versucht wurde, durch Ressourcenbündelung im Quartier und durch eine verstärkte Einbeziehung und Aktivierung zivilgesellschaftlicher Akteure dem Abwärtstrend in benachteiligten Quartieren durch eine neue Form der Stadtentwicklungspolitik entgegenzuwirken.

Ein anderes Beispiel neuer Steuerungsformen behandelte Annette Vollmer in ihrem Kommentar: Der Ansatz der ‚Business Improvement Districts' (BIDs) unterscheidet sich von herkömmlichen City- und Stadtmarketingansätzen durch die stärkere Betonung der privaten Initiative. Es stellt sich die Frage, inwieweit durch diesen Ansatz besser auf die Problematiken heutiger Innenstadtentwicklungen eingegangen werden kann.

Die abschließende Diskussion wurde von Prof. Dr. Hartmut Häußermann (Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung, HU Berlin) geleitet und spiegelte die große Bandbreite der in den Vorträgen und Kommentaren angesprochenen Themen wider. Die Notwendigkeit von Planung für die Stadtentwicklung wurde grundsätzlich in Frage gestellt - und von P. Oswalt verteidigt. Darüber hinaus stellte sich die Frage, wie Kreativität definiert werden kann und welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu anderen Begriffen wie z.B. Innovation existieren.

Grundsätzlich bestätigten das breite Interesse an der Veranstaltung und die lebhafte Diskussion die Aktualität des Themas und die Notwendigkeit weiterer Forschung in diesem Bereich. Auf dem anschließenden von der Heinrich-Böll-Stiftung gesponserten Empfang im Foyer des Instituts für Sozialwissenschaften konnten die angesprochenen Themen weiter diskutiert werden.

Eine weitere Veranstaltung mit der Heinrich-Böll-Stiftung wird am 26. Juni 2007 stattfinden.

(FK)


Ralf Fücks (Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung)


Prof. Philipp Oswalt (Architekt und Publizist in Berlin und Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der Universität Kassel)


Simone Buckel (Promotionskolleg "Die Zukunft der europäischen Stadt - Formen und Folgen von New Urban Governance")


Oliver Frey (Promotionskolleg "Die Zukunft der europäischen Stadt - Formen und Folgen von New Urban Governance")


Florian Koch (Promotionskolleg "Die Zukunft der europäischen Stadt - Formen und Folgen von New Urban Governance")


Gabriele Schmidt (Promotionskolleg "Die Zukunft der europäischen Stadt - Formen und Folgen von New Urban Governance")


Annette Vollmer (Promotionskolleg "Die Zukunft der europäischen Stadt - Formen und Folgen von New Urban Governance")


Paneldiskussion (von links: Prof. Hartmut Häußermann, Annette Vollmer, Prof. Philip Oswald, Oliver Frey, Florian Koch, Gabriele Schmidt & Simone Buckel)

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